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Seit Beginn des 20.Jahrhundert bis kurz nach der Machtübernahme durch die Faschisten lebten in der Stadt Leipzig fast 13000 jüdische Bürger. Besonders viele jüdische Bewohner wohnten im Waldstraßenvioertel. Hier betrug der Anteil der Juden 10 bis 12%.
Seit 1849 existierte eine Verordnung zu den Grundrechten und der Gleichstellung sächsischer Juden. Leipzig entwickelte sich als Geschäfts- und Handelszentrum und bot günstige Bedingungen für die Zuwanderung von Menschen jüdischen Glaubens.
Das Waldstraßenviertel wurde zu dieser Zeit erstmals mit modernen repräsentativen bürgerlichen Wohnhäusern bebaut. Eine lange Zeit lebten und wohnten hier jüdische und nichtjüdische Bewohner in guter Nachbarschaft zusammen.
Die Gemeindesynagoge in der Gottschedstraße war nach 500 Jahren das erste jüdische Gotteshaus in Leipzig. Sie brannte während der Pogromnacht ab und musste auf Befehl der Nazis abgerissen werden. Direkt im Waldstraßenviertel befanden sich zwei weitere Synagogen in der Färberstraße. 1912/13 wurde die Höhere Israelitische Schule in der Gustav-Adolf-Straße 7 gegründet. 1929 wurden das israelitische Krankenhaus in der Eitingonstraße und 1931 das Jüdische Altersheim in der Auenstraße eröffnet. Einen jüdischen Kindergarten gab es seit 1915. 1929/30 ließ der jüdische Bankier Hans Kroch eine Wohnsiedlung in Neugohlis errichten. Das oben genannte Krankenhaus und die Krochsiedlung standen der gesamten Leipziger Bevölkerung offen.
Im Jahr 1925 wohnten in Leipzig 12594 Juden. 1931 gab es in der Stadt 17 Synagogen und Bethäuser sowie 8 jüdische Wohltätigkeitsanstalten.
Das jüdische Leben in Leipzig konzentrierte sich in den Jahren der Judenverfolgung nach 1933 immer mehr auf das Waldstraßenviertel. Ab dieser Zeit führten die wachsende antisemitische Hetze und die ersten antijüdischen Gesetze dazu, dass sich das Zusammenleben der Bürger sichtbar änderte. Nichtjuden war es immer weniger erlaubt, jüdische Ärzte und Anwälte zu konsultieren. Jüdische Geschäfte wurden boykottiert. “Arische Kunden” der jüdischen Groß- und Versandhändler bezahlten die gelieferten Waren nicht mehr, so dass Konkurse und Liquidationen rasch zunahmen. Jüdische Beamte, Lehrer, Wissenschaftler und Künstler wurden aus dem Staatsdienst entlassen.
Die 1935 auf dem Reichsparteitag in Nürnberg beschlossenen Rassengesetze diskrimierten die jüdische Bevölkerung als minderwertige Rasse.
Trotzdem fühlten sich die meisten Juden des Leipziger Waldstraßenviertels als Deutsche und sahen hier ihre Heimat. Bis 1938 wanderten 2200 Leipziger Juden aus. Zunehmend wurden die Juden aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. 1933 begann die “Entjudung” der Schulen und Hochschulen.
Diese antisemitische Ausgrenzung wurde zum Wesensmerkmal der Staatspolitik gegenüber der jüdischen Bevölkerung: Ab Juli 1935 durften die Juden keine städtischen Bäder mehr benutzen. Der Aufenthalt in Parks wurde auf ein kleines Gebiet beschränkt. Wenig später wurde den Juden der Besuch öffentlicher Einrichtungen (Kinos, Theater, Gaststätten...) endgültig verwehrt: Im November 1938 mussten alle jüdischen Schüler die deutschen Schulen verlassen.
Es ist verständlich, dass zunehmend immer mehr jüdische Bewohner in der Auswanderung ihre einzige Lebensmöglichkeit sahen. In Leipzig bildete sich dafür ein spezielles Komitee, die “Jewish Agency. Diese war bei der Auswanderung nach Palästina behilflich. Durch die Leipziger Gemeinde wurden die Juden ständig aufgerufen, ihre Schekel für den Aufbau Palästinas zu zahlen. Die Auswanderung wurde durch beschränkte Devisen erschwert. Bis zur Pogromnacht durften Juden, die mit Visum ins Auslandf gingen, einen Teil ihres Hausrates mitnehmen. Wertgegenstände waren davon ausgenommen. Die Jugendlichen hatten dabei die besseren Auswanderungsbedingungen. Viele hatten lange Zeit Geldbeträge für den jüdischen Nationalfond gesammelt, die nun dem Ankauf von Land in Palästina dienten. Ein großer Teil der nach dem Ersten Weltkrieg geborenen Kinder verdankt der seit 1929 bestehenden Jugendeinwanderung nach Palästina sein Leben.
In der Nacht vom 9./10. November 1938 trafen die Leipziger Gestapo und die NSDAP-Kreisleitung alle Vorbereitungen für die sogenannte “Reichskristallnacht” die in den frühen Morgenstunden begann. In der Leipziger Innenstadt und im Waldstraßenviertel brannten jüdische Einrichtungen. Juden wurden misshandelt, ihre Wohnungen und Geschäfte demoliert und geplündert. An der Parthenbrücke in der Pfaffendorfer Straße trieb die Gestapo Juden zusammen, die nach kurzem Polizeigewahrsam in die Konzentrationslager Buchenwald, Sachsenhausen und Dachau verschleppt wurden. Mit der Pogromnacht erhielt die Judenverfolgung Massencharakter.
Durch internationale Hilfe konnten 12000 Kinder Deutschland legal verlassen. Besonders schwer war es für Familien mit vielen Kindern auszuwandern, da durch Einwanderungsquoten, z.B. in den USA, lange Wartelisten entstanden. 1941 wurde die Auswanderungsstelle in Leipzig geschlossen.
Bis zum ersten Januar 1939 wurden alle jüdischen Unternehmen “arisiert” oder liquidiert. Die jüdischen Stiftungen und Vereine mussten sich 1939 auflösen. Die Juden erhielten auch keine öffentliche Fürsorge mehr und sie bekamen nur geringste Rationen auf Lebensmittelkarten. Das Existenzminimum vieler jüdischer Familien konnte nur noch durch die jüdische Wohlfahrtspflege gewährleistet werden.
Etwa ein Drittel der Leipziger Juden war polnischer Nationalität. Die Verfügung der polnischen Regierung, daß ab Oktober 1938 alle polnischen Pässe ohne aktuellen Prüfvermerk ungültig sind, bedeutete faktisch die Aberkennung der polnischen Staatszugehörigkeit und führte zur Abschiebung dieser Juden aus Leipzig. Nur wenigen gelang es, sich eine Aktualisierung ihres Passses zu erkämpfen und nach Palästina oder Amerika auszureisen. Die überwiegende Mehrheit der nach Polen Abgeschobenen wurde später in den Gaskammern der Konzentrationslager ermordet.
Die medizinische Versorgung der jüdischen Bewohner in Leipzig wurde immer stärker reglementiert. Ab Dezember 1938 durfte nur noch ein Arzt im Altersheim Auenstraße jüdische Kranke betreuen. Das Eitingonkrankenhaus musste im Dezember 1939 innerhalb von 4 Stunden von jüdischem Personal und Patienten beräumt werden. Man wies ihnen ein Haus im Krankenhausgelände Dösen zu. Im Sommer 1943 wurden die letzten jüdischen Patienten, der Chefarzt und die Oberin, von der Gestapo nach Theresienstadt verschleppt, wo sie umkamen.
Alle Mietverhältnisse mit den Juden wurden 1939 durch gesetzliche Regelungen aufgelöst, es folgte deren Ghettoisierung in “Judenhäusern”. Anfang der 40er Jahre wurde die Carlebachschule zum größten “Judenhaus” von Leipzig. In jedem Klassenzimmer haben vermutlich mehr als 15 Personen gelebt.
Ab Kiegsbeginn wurden die arbeitsfähigen jüdischen Einwohner zunächst für 10 Pfennige pro Stunde zur Pflichtarbeit und später zur Zwangsarbeit verpflichtet.
Am 20. Januar 1942 wurde auf der “Wannsee-Konferenz” die “Endlösung der Judenfrage” beschlossen. “Endlösung” bedeutete, das jüdische Volk mit allen Mitteln (Vergasen, Erschießen, Verhungern) physisch zu vernichten und völlig auszurotten.
Bereits einen Tag später wurden 702 Juden aus Leipzig nach Riga transportiert. Mit der vierten Deportation aus Leipzig wurde das Altersheim Auenstraße “geleert”, danach diente es als Gestapohauptquartier.
Am 14.Februar 1945 verließ der letzte Deportationszug Leipzig nach Theresienstadt. Zu dieser Zeit war das Konzentrationslager Auschwitz bereits durch die Rote Armee befreit.
Am Tag der Befreiung Leipzigs, dem 18.April 1945, lebten in der Stadt noch 24 jüdische Einwohner, die sich versteckt der letzten Deportation entziehen konnten.
Nach 1945 kehrten ca. 250 Überlebende des Holocaust nach Leipzig zurück. Das vielfältige jüdische Leben und seine Infrastruktur sind durch die verbrecherische Rassenpolitik des Dritten Reiches vernichtet wurden. Familien, die ihren Lebensmittelpunkt teilweise seit Generationen im Waldstraßenviertel hatten, wurden auseinandergerissen, durch Verfolgung und Auswanderung in alle Welt getrieben und die in Leipzig Zurückgebliebenen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, in Konzentrationslagern ermordet.
Die Geschichte des Waldstraßenviertels ist auch die Geschichte seiner einstigen jüdischen Bewohner. das Wissen um ihre Vertreibung und Vernichtung, die für viele Leipziger Juden in den Häusern des Waldstraßenviertels begann, muss dauernde Mahnung und Aufforderung sein, niemals wieder Rassenhetze zuzulassen und sich heute mit persönlichem Mut nationalsozialistischer Hetze und Ausländerfeindlichkeit entgegen zu stellen.
Quelle: Jüdisches Leben und Wirken im Leipziger Waldstraßenviertel”; Bürgerverein Waldstraßenviertel e.V., Leipzig 1999
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